3. Februar 2025, Tag 71: Windy Point - Hope Kiwi Lodge
Heute nehme ich den Shuttle zum Trail, zusammen mit Lukas und Vanessa.
Die beiden fahren zurück nach Boyle, aber ich kürze ein bisschen ab und
steige schon beim Windy Point aus, das spart mir 12 Kilometer und
mehrere Flussdurchquerungen. Gegen zehn Uhr laufe ich los. Heute kann
ich es ganz gemütlich nehmen - eigentlich die ganze Woche. Denn am
Freitag und Samstag findet das Coast to Coast Rennen statt, eine Art
Ironman quer über die Südinsel, nur mit kayaken statt schwimmen. Der
Lauf-Part des Rennens führt über 30 km dem Te Araroa entlang, auf meinen
letzten zwei Tage dieser Etappe. Da will ich lieber warten bis die
Läufer durch sind und kann daher sehr gemächlich wandern bis am
Freitagabend. Das freut mich sehr, denn die letzten Tage waren
anstrengend. Ich hätte auch einen Ruhetag länger in der Stadt bleiben
können, aber irgendwie ist das nicht so erholsam, auch wenn das Essen
natürlich dort besser schmeckt. Dafür habe ich mir für den ersten Tag
eine Avocado gegönnt und für die ersten drei Tage frisches Gemüse zum
Znacht.

Der Rucksack wiegt entsprechend wieder eine Tonne. Ich steige ab
zum Boyle River und geniesse die riesige Hängebrücke über den
grünblauen Fluss. Auf der anderen Seite verschwindet der Weg rasch
zwischen Manukabüschen und ich verliere die tolle Aussicht. Dafür geht's
bald wieder in den schattigen Wald. Das ist gut, denn es ist extrem
heiss heute, und ich bin froh um den Schatten. Irgendwann komme ich an
eine kleine Lichtung mit Aussicht und, man staune, prima 4G
Handy-Empfang. Da ja Gemütlichkeit angesagt ist, esse ich hier meine
Avocado und lade noch ein paar Bilder und Videos hoch auf Instagram,
auch so ein Task, den ich normalerweise am Ruhetag erledige. Dabei
stelle ich fest, dass am Freitag bereits meine erste SIM Karte abläuft -
ich bin also bereits drei Monate hier. Wahnsinn! Die Zeit vergeht so
schnell... Der Wanderweg ist heute sehr einfach, und ich nerve mich nur
wenig über die vielen PUDs. Ein PUD ist Hikerslang für "Pointless Ups
and Downs". Ich folge dem Hope River flussaufwärts. Heute taucht ein
sehr heimatliches Phänomen auf, das ich schon lange nicht mehr gesehen
habe: Kuhfladen. Und natürlich auch die Kühe dazu, zunächst nur von
weitem. Daher laufe ich auch tapfer bis zur Hütte, obwohl es schöne
Zeltplätze am Fluss hätte, doch leider alles voller Kuhfladen. Und wie
ich ja schon mehrfach auf die harte Tour gelernt habe: wo Fladen, da
Kühe, früher oder später, und da die Biester neugierig sind, stecken sie
auch gerne mal den Kopf ins Zelt. Also weiter bis zur Hope Kiwi Lodge.
Es ist eine sehr schöne, grosse Hütte, und es sind erst zwei Wanderer
da. Später kommen noch drei, aber es bleibt gemütlich. Die Hütte ist
leider ziemlich warm von der Sonne, aber dafür gibt's drinnen keine
Sandmücken. Auch mal schön 😂.

4. Februar 2025, Tag 72: Hope Kiwi Lodge - Hurunui Hut
Ich schlafe leider nicht sehr gut in der gediegenen Hope Kiwi Hütte - es ist viel zu heiss und unmöglich, die Fenster zu öffnen, wegen der grausamen Sandmücken, die vor der Hütte lauern. Sogar die Toilette hier ist von ihnen in Beschlag genommen und man wird total zerstochen, während man mit heruntergelassenen Hosen auf dem Plumpsklo sitzt. Für die grosse Sitzung am Morgen ziehen ich daher die Regensachen an und wedle wie wild mit den Händen, um meinen entblössten Hintern zu verteidigen. Leute, ich sage euch, die Skills, die man auf so einem Trail lernt...
Dafür frühstücke ich ganz gemütlich und breche erst gegen neun auf. Da ich auch heute nur etwa 6 Stunden wandern will, ist keine Eile angesagt. Die ersten paar Kilometer geht's gemütlich durchs hohe Gras, dann verschwindet der Wanderweg im Wald, wo er auch für den grössten Teil des Tages bleibt. Ich überquere einen Pass mitten im Wald, laufe hoch über einem wahrscheinlich wunderschönen See, ohne ihn zu sehen. Der Weg macht auch heute viele unnötige Höhenmeter, doch ich bin entspannt heute und nerve mich nicht. Nur die vielen Wespen im Wald nerven langsam. Heute erwischt mich auch eine, als ich sie versehentlich unter dem Arm einklemme. Endlich öffnet sich der Wald und ich stehe am Ufer des Lake Sumner. Leider ist es nicht sehr anmächelig zum Baden, denn das Ufer ist ganz schlammig und seicht. Heute ist es nämlich ziemlich heiss. Der Weg führt aber gleich wieder in den Wald. Der nächste Abschnitt ist nicht mehr sehr lustig, es geht durchs Dickicht, über und unter vielen umgestürzten Bäumen hindurch. Der Weg ist kaum sichtbar und die vielen Wespen sind hier wirklich nicht hilfreich, wenn man kaum sieht, wo man den Fuss abstellt. Irgendwann gebe ich auf, schlage mich zur Kuhweide durch und laufe auf der flachen Wiese in der Talsohle. Warum man den Weg nicht hier durch führt, ist mir schleierhaft. Dafür knallt hier die Sonne und bald geht mir das Wasser aus. Nicht so schlimm, bald komme ich an den Fluss. Eine riesige Hängebrücke führt über den Hurunui River. Nun ist es nicht mehr weit bis zur Hütte. Ursprünglich wollte ich noch weiter und bei einer heissen Quelle zelten, aber ich bin erschöpft von der Hitze und die Hütte ist gross und schön - und sie hat Fliegengitter, so dass man die Fenster öffnen und den kühlen Wind reinlassen kann. Gebongt, ich bleibe. Bisher ist nur Mathieu da, ein Franzose, den ich heute erst getroffen habe. Später taucht noch Theo auf, ebenfalls ein Franzose, den ich schon in St Arnaud kennengelernt habe. So gefällt es mir, drei Leute in einer 15-Betten-Hütte. Da kann man ganz dekadent sein und zwei Matratzen nehmen zum schlafen 🤗.

In dieser Hütte schlafe ich herrlich und richtig lange. So lange, dass
trotz (oder wegen) zwei Matratzen mein Nacken ganz steif ist. Aber dafür
gibt's eine Lösung: Heisse Quellen. Heute komme ich an einer solchen
Quelle vorbei, sie liegt direkt am Weg. Nach etwa 1.5 Stunden bin ich
da. Es hat keine anderen Wanderer und die Sandmücken sind wohl noch im
Tiefschlaf. Super!
Ich hänge mich splitternackt in die heisse Badewanne
und versuche meinen Nacken zu entspannen. Das ist nicht ganz einfach,
denn die Quelle ist nicht sehr tief und der Grund ist sehr schlammig und
voller toter Blätter. Also möglichst flach reinliegen und den Kopf über
Wasser, wegen irgendwelcher Amöben, die einem sonst ins Hirn kriechen
(es hat eine grosse Spassverderber-Warntafel vor der Quelle, die ich
rasch mit meinem Sarong abdecke - aus den Augen, aus dem Sinn, oder
so...). Auf jeden Fall ist die Viertelstunde im heissen Wasser ein
Genuss, dann wird es mir zu warm. Heisse Quellen an einem heissen
Sommertag, nicht optimal. Dies wäre der perfekte Ort für einen kalten Regentag, aber der kommt erst in drei Tagen.
Danach geht's ein paar Stunden durch die Grasebene, bevor mich der Wald
wieder verschluckt. Es fühlt sich schon ein bisschen an wie Rohan -
allzu weit weg von den Drehorten von Herr der Ringe bin ich nicht mehr. Der Wald ist heute
sehr willkommen bei der Hitze, und es ist auch nicht ein so schlimmes
Bushbashing wie gestern. Keine Wespen und viele, moosige alte Bäume.
Auch schöne Farne hat es hier, und Flechten an den Ästen - schon fast
wieder ein bisschen Urwald.
Am Nachmittag komme ich an der Conrad Hütte
vorbei, doch die alte Wellblechhütte ist ein dunkles Loch und etwas
unheimlich. Daher lieber noch eine Stunde wandern und dann schön am
Fluss zelten. Ich finde eine hübsche Wiese, es hat auch gar nicht viel
Sandmücken. So chille ich gemütlich bis zum Sonnenuntergang vor meinem
Zelt und lese ein Buch. Eigentlich wäre es cool wenn der Te Araroa immer
so entspannt wäre, aber dann bräuchte ich wohl sieben Monate statt
viereinhalb 😅.

Ich schlafe super an meinem Zeltplatz und geniesse die gemütlichen
Morgenstunden, grosser Kaffee, ganz ohne Stress. Gegen neun drückt die
Sonne langsam durch und ich breche auf. Es geht weiter bergauf durch
schönen alten Urwald, vorbei am süssen, winzigen Harper Biwak, wo ich im
Hüttenbuch sehe, dass Theo hier übernachtet hat. Bald bin ich auf dem
Harper Pass, trotz vieler Bachüberquerungen die Schuhe immer noch fast
trocken. Ich fühle mich wie ein alter Profi 🤣. Trockene Füsse sind auf
dem Te Araroa eine Auszeichnung. Gerade als ich versuche, ein Selfie mit
dem Passschild zu machen, fliegen zwei Papageien im Tiefflug vorbei.
Wow! Ich tippe auf Bergpapageien (Keas) aber es könnte auch Kakas sein
(Waldpapageien). Beide sind selten, die Keas sind etwas bekannter, da
sie ab einigen Touri Parkplätzen auf der Südinsel heimisch sind und eine
Vorliebe für Autogummi entwickelt haben. Fast in jeder Neuseeland-Doku
kann man Keas sehen, die Scheibenwischer anknabbern, Türgriffe
aufbrechen und generell gerne Schabernack treiben mit den Touristen.
Diese hier sind aber nicht an Menschen und ihre Vorlieben für Plastik
gewohnt und kommen nicht näher. Nur einmal höre ich noch ein "Kia Kia"
aus dem Busch, dann sind sie weg. Wie schön bunt sie sind! Ich bin ganz
begeistert und harre noch lange auf dem Pass, mampfe meine Nüsse und
Trockenfrüchte, aber die locken keinen Papagei an. Ich kann mein
Trockenfutter bald auch nicht mehr sehen... Dafür ist die Natur hier
oben wieder spektakulär, viele Blumen, die ich noch nicht gesehen habe,
und neue Büsche und Palmen. Steil bergab geht's nun zum Taramaku River,
dem ich heute und morgen folge. Zunächst ist es ein Wildbach, der Weg
entsprechend anstrengend, aber nach ein paar Stunden weitet sich das Tal
und es wird flach. Dafür muss ich nun hunderte kleine und grosse
Seitenarme durchwaten, die trockenen Füsse sind bald nur noch eine vage
Erinnerung. An einer Hütte mache ich Pause, es ist brennend heiss. Zum
Glück gibt's hier eine schattige Veranda, wo der Wind geht, denn in der
Hütte ist es eine Affenhitze. Den Nachmittag spaziere ich stundenlang in
goldgelben Wiesen mit hübschen Disteln talauswärts, mit regelmässigen
Fussbädern in einem kühlen Fluss. Leider verpasse ich es, nochmals
richtig zu baden vor dem Abzweiger zur Kiwi Hut. Hier will ich
übernachten, Theo ist auch da. Sonst bisher niemand. Bald safte ich in
der heissen Hütte, obwohl die Fliegengitter neu repariert wurden, ist es
furchtbar warm drinnen. Draussen lauern die Sandmücken, zelten wäre
also auch ungemütlich. Und hier drin hat es lustige Unterhaltung, unter
anderem ein "Tasteful Nude Calendar" des Canterbury University Tramping
Club. Auch deren Jahresbericht von 2022 liegt da und ist witzig zu
lesen. Theo ist nämlich ein sehr stiller Zeitgenosse, der nur wenig
spricht und ziemlich scheu ist. Aber dafür schnarcht er nicht und ist
ein angenehmer Hüttengenosse. Die Kiwi Hut heisst nicht umsonst so, hier
gibt's neben den Keas und Kakas auch Kiwi, und nachts kann man sie wohl
hören - bin gespannt auf die nächtliche Show 😉.

7. Februar, Tag 75: Kiwi Hut - Deception River
Nachts höre ich mehrere laute Vogelrufe, bin aber nicht sicher, ob das
nun ein Kiwi war oder doch etwas anderes. Ansonsten schlafe ich
herrlich. Die Kiwi Hut hat zwei der begehrten, neuen blauen Matratzen,
diese sind super weich und bequem, im Vergleich zu den alten, grauen
Brett-Matratzen. Natürlich habe ich mir gleich eine geschnappt bei
Ankunft 😉. Später am Abend tauchte nämlich tatsächlich noch ein dritter
Wanderer auf, ein NOBO (northbound) hiker. Heute schlafen Theo und ich
aus und trödeln rum, weil wir eh erst gegen Nachmittag über die Brücke,
bzw. ins Deception Valley können, wegen dem Rennen. Gegen zehn breche
ich auf, so spät wie noch nie. Die ersten paar Kilometer geht's wieder
durch das goldene Gras und ein paar Flüsse. Ich höre laut den Soundtrack
zu Herr der Ringe, das wirkt sehr episch. Doch dann führt der Weg durch
dicht stehende Gorse (ein sehr stachliger Busch) und ich mache einen
taktischen Fehler. Ich folge nämlich einer Empfehlung aus den
Kommentaren in der Wander-App über einen "gut markierten, wunderschönen
Waldweg" anstelle der offiziellen Kratzbürsten-Route.
Anfangs stimmt das
auch, doch bald führt der Waldweg immer tiefer ins Dickicht, über
Dutzende umgefallene Bäume und durch tiefe, vom Moos und Farn versteckte
Löcher. Ein fieses Kletten-Gras hängt seine Samen in meine nackten
Beine, das piekst schlimmer als die Gorse. Und da ich andauernd
stehenbleiben und nach Markierungen suchen muss, zerstechen mich
nebenbei die Sandmücken. Irgendwann endet die Route einfach im Dickicht.
Ich verfluche den Kommentator und mich selbst, schlage mich mit Händen
und Füssen durchs Dickicht zurück zur offiziellen Route. Die führt wenig
später auch zurück in den Wald, aber auf gutem Weg. Es hat wieder
Farnbäume und Flechten, wie in den Küstenwäldern, eine schöne
Abwechslung. Ich finde eine tolle Badestelle am Fluss und hüpfe bis zum
Hals rein. Eisig! Aber trotz Wolken ist es heiss und schwül heute, und
ich kühle meine brennenden, juckenden Arme und Beine voller Genuss.
Natürlich werde ich beim Rausklettern und Abtrocknen gleich wieder
zerstochen. Es ist ein Elend mit diesen verfluchten Sandmücken. Immerhin
fühle ich mich nicht mehr ganz so stinkig. Nach einem Mittagessen
(eingehüllt in Windjacke und Sarong gegen die Blutsauger) folge ich
einem wunderschönen, tiefen, grün schimmernden Waldfluss, bis ich ihn
überqueren muss - auf einer abenteuerlichen Kletterei zwischen zwei sehr
schrägen, mosigen Felsen. Ich wage einen grossen Schritt, doch wie
befürchtet, rutsche ich auf dem glatten Fels aus und schramme mit
Ganzkörpereinsatz über die Felsplatte in die Tiefe. Irgendwie gelingt es
mir, in einer perfekten Ägypter-Stellung innezuhalten, aber ich komme
dann nur sehr unelegant wieder raus. Resultat: beide Knie blutig
geschrammt, und neue blaue Flecken überall. Durch den bauchnabeltiefen
Fluss waten wäre weniger schmerzhaft gewesen... Ich verfluche die
langbeinigen Wegebauer, nicht zum letzten Mal, wie ich befürchte. Bei
der nächsten Gelegenheit verlasse ich den Waldweg und wandere ab hier im
weiten, schotterigen Flussbett. Das geht auch nicht viel schneller, und
ich muss den Fluss mehrfach durchwaten, aber wenigstens hat es hier
keine fiesen Hindernisse. Endlich, gegen drei Uhr sehe ich die Morrison
footbridge zum State Highway. Ich will da gar nicht drüber, sondern
direkt weiter ins Deception Valley, aber hier gibt's 4G Netz und ich
checke das Wetter. Ab heute Abend kommt leichter Regen für die nächsten
drei Tage, aber es bleibt warm und scheint nicht zu gewittern. Ich kann
also guten Gewissens weiterwandern. Das 2-Day-Race des Coast to Coast
Rennen scheint hier für heute bereits durch zu sein. Gegen vier Uhr
breche ich auf in Richtung Goat Pass. Nach einer Stunde treffe ich auf
ein paar Race Officials, die mit Leuchtwesten das Tal abwandern nach
liegengebliebenen Läufern. Sie haben nicht die beste Option für die
Durchquerung des Deception River gewählt und beklagen nasse Hosen, aber
sie lachen immerhin darüber.
Dank einer Woche trockenem Wetter ist der
Deception River gut passierbar, trotz aufkommendem Nieselregen. Noch
etwas weiter oben kommen uns ein paar Leuchtwesten von oben entgegen,
die tatsächlich ein paar entmutigte (vermutlich erschöpfte) Läufer im
Schlepptau haben. Sie sind sehr freundlich und ich frage sie, wo ich am
besten zelten kann und wann die Läufer vom One-Day-Race morgen
durchkommen. Der Chef der Truppe meint, sie seien sehr schnell und die
ersten würden um sieben Uhr auftauchen. Ich laufe noch eine Stunde bis
zu einer flachen Wiese, wo ich mein Zelt hinter ein paar Büschen
aufstelle. Es regnet leicht, aber draussen herumsitzen ist wegen der
aggressiven Sandmücken eh keine Option. Ich mache es mir in meiner
Dyneemahütte bequem für die Nacht. Es ist ein bisschen nervig, mit einer
Hand durch den Reissverschluss des Mückennetz meines Zeltes zu kochen,
aber ich habe ja Zeit und einen letzten Rest Nutella für die Nerven. Es
ist schon fast dunkel, als die Race Officials draussen vorbei
marschieren zu ihrem Zeltplatz weiter oben im Tal. "Gute Nacht!", rufen
sie laut und verschwinden lachend und schnatternd im Nieselnebel. Das
leise Tröpfeln auf meinem Zelt ist herrlich einschläfernd.

8. Februar, Tag 76: Deception River - Goat Pass Hut

Als ich im Morgengrauen erwache, ist es noch ganz still im Tal, nur die
Vögel zwitschern. Der Nebel hängt tief über dem Deception Valley. Kein
gutes Wetter für das Rennen heute - oder zumindest nicht für tolle
Aerial Shots von Drohnen oder Helikoptern. Ich eile noch schnell für ein
Bisi hinter den Busch bevor die ersten Läufer kommen und ich im Live-Fernsehen lande. Doch sieben Uhr
kommt und geht, keine Läufer in Sicht. Dafür kriege ich besuche von
einer schnatternden und gurrenden Weka-Familie. Papa Weka will dem
Sprössling zeigen, wie das geht mit dem Anschleichen und Beutezug auf
ahnungslose Tramper. Mama Weka bildet die Nachhut. Leider haben sie
nicht damit gerechnet dass ich durchaus Ahnung habe von ihren Absichten
und mich vor allem herrlich amüsiere, während ich meinen ersten Kaffee
trinke. Der Sprössling, ein kleiner Doofie, versucht es erst mal mit den
blauen Zeltheringen, doch die sitzen fest. Papa umrundet das Zelt und
stalkt mich von hinten, nur ist da nichts ausser die stinkenden Schuhe.
Dafür ist sich sogar ein Weka zu fein. Mama hat es auf die bunten Flip
Flops abgesehen, doch erkennt schnell, dass ich mich und meine
armseligen Gummilatschen durchaus mit meinem eigenen Gegacker und ein
paar Klatscher zu verteidigen weiss. Irgendwann ziehen sie entrüstet ab.
Erst um 8.15 kommen die ersten Läufer, und eine Viertelstunde später
auch die erste Läuferin. Eindeutig sind die Männer hier dominierend, ich
sehe nur wenig Frauen. Es ist aber auch ein hartes Rennen. Zu diesem
Zeitpunkt haben die Teilnehmer schon einen Spurt über den Strand von
Kumara sowie 55 Kilometer Radfahrt in den Beinen. Nun rennen sie von der
Morrison footbridge, wo ich gestern Nachmittag war, zum Klondyke
Camping, wo ich morgen erst ankomme. Ab da geht's noch mal aufs Fahrrad
und dann noch ins Kayak für einige Dutzend Kilometer, bis zum Endspurt
nach Christchurch. Crazy. Aber ein Mega-Event hier. Nun ist auch der
Helikopter da und fliegt talaufwärts, wenige Minuten später zurück. So
geht das ein paar Stunden. Um zehn Uhr sehe ich keine Läufer mehr und
fange an, zusammenzupacken. Nun kommt sogar ein bisschen die Sonne raus.
Plötzlich steht Katie vor meinem Zelt und strahlt mich an. Sie hat
unten bei der Brücke gezeltet und weiss, dass keine Läufer mehr kommen.
Weil es heute regnen wird und die Etappe ziemlich schwierig sein soll,
beschliessen wir, gemeinsam zu wandern. Mit Katie kann ich einigermassen
mithalten.
Die ersten paar Stunden bis zur Deception Hut geht es noch
recht flott voran, aber einige Klettereinlagen über Boulder und steile
Wurzelpassagen sind schon dabei. Fast hätte ich die Hütte verpasst, wenn
da nicht gerade der Helikopter Material der Leuchtwesten-Menschen abtransportiert hätte. Da es anfängt zu regnen, machen wir unsere
Mittagspause in der Hütte. Draussen ist voll die Helikopter-Action, und
wir können die Lande- und Abflugkünste des Piloten auf dem buckligen
Miniatur-Lichtung vor der Hütte bewundern, während er noch mehr Material
abholt. Offenbar gab es hier eine Zeitmess-Station für das Rennen oder
so ähnlich. Im mittlerweile strömenden Regen laufen wir weiter. Die
Boulder werden definitiv grösser, der Deception River ist nun ein Wildbach, und
gar nicht mehr so einfach zu überqueren wie der breite Fluss weiter
unten. Der Wildbach hat nämlich unverhofft tiefe Stellen, die Felsen
sind rutschig und wir müssen ihn sicher ein Dutzend mal queren auf
unserem Aufstieg zum Goat Pass. Auch wenn Katie noch weniger Erfahrung
hat in solchen Querungen als ich, ist es doch gut, hier nicht allein
alle Entscheidungen zu fällen. Dafür blüht der Pohutukawa (der
Weihnachtsbaum) hier noch immer, wunderschön. Auch das enge, steile Tal,
fast schon Schlucht, gefällt uns super im Regen. Katie sagt, es
erinnert sie an Hawaii, für mich ist es eher Jurassic Park (aber das
wurde ja in Hawaii gedreht). Mittlerweile sind wir beide ziemlich nass,
glücklicherweise ist es nicht kalt.
Aber die Goat Pass Hut dürfte nun
langsam auftauchen. Als ich endlich das Dach der Hütte erspähe, juble
ich, mache einen unbedachten Schritt und Bamm! knallts mich 100 Meter
vor der Hütte auf den Latz, oder besser gesagt auf die linke Arschbacke.
Aua. Das gibt wieder neue blaue Flecken und ich werde wohl eine Woche
lang nur auf der rechten Seite schlafen 😮💨😴. Aber immerhin, wir sind
da und der Heli muss nicht noch mal fliegen für uns. Wir haben ein
bisschen gehofft dass die Helfer des Rennens, die hier oben in der Hütte
waren, und heute Nachmittag mit dem Heli abgeholt wurden, uns
vielleicht eine Kiste Bier oder sonst was Leckeres da gelassen haben,
aber sie liessen nur das Toilettenpapier zurück. Immerhin, ein bisschen
Luxus, es ist das weiche, doppellagige. Die Hütte ist ziemlich voll,
aber zum Glück auch gross, so dass niemand draussen zelten oder am Boden
schlafen muss. Und es wird schön warm hier drin, auch ohne Feuer.
Angeblich soll es hier Keas geben, aber leider zeigen sie sich nicht,
bevor alle im Bett liegen. Dafür ist morgen "Town Day", sprich: Dusche.
WLAN. Bier. Die Errungenschaften der Zivilisation 🤣.
Mit Ohrstöpsel schlafe ich einigermassen OK in der ziemlich stickigen
(und nach feuchten stinkenden Socken müffelnden) Hütte. Trotzdem bin ich
froh, als es endlich hell wird und breche bald auf. Es sind noch ein
paar Stunden Abstieg bis zur Strasse. Zunächst geht's noch ein paar
Meter hoch zum Pass, sogar ein bisschen Aussicht ist noch drin. Die Keas
zeigen sich aber nicht wirklich aus der Nähe.
Danach geht's erstaunlich
gemütlich bergab auf gutem Weg und teilweise sogar Holzbohlen über den
Sümpfen. Dennoch werden die Schuhe bald wieder ordentlich durchweicht
beim ersten Bach (waren eh noch pitschnass von gestern). Erst als ich
die Baumgrenze erreicht habe, beginnt der Wanderweg wieder zu zicken und
führt in unmöglich steilen "Umwegen" über einige einfache
Rutschpartien. Ich seufze, versuche aber mich nicht wieder zu ärgern.
Schliesslich scheint die Sonne, ab und zu höre ich Keas rufen, und dann
kommt endlich der letzte Hügel.
Von weitem kann ich nun die Strasse
sehen, und nach einer weiteren Stunde auch hören. Dieser State Highway
ist eine der wenigen Ost-West Verbindungen auf der Südinsel.
Schliesslich habe ich es geschafft und stehe auf einem Wanderparkplatz.
Bereits das zweite Auto hält und um halb zwei stehe ich vor meinem
Hostel. Am liebsten würde ich gleich in die Bar auf ein Bier (später
erfahre ich, dass die Franzosen natürlich genau das gemacht haben), aber
es gibt so viel Lästiges zu erledigen, was nach dem Bier noch viel
weniger Spass macht. Duschen, Wäsche-Münzen organisieren, Wäsche
waschen, mein restliches Futter aussortieren, Essen für die nächsten
Tage beschaffen. Da es hier in Arthur's Pass keinen richtigen Laden
gibt, sondern nur ein teurer Souvenirshop mit ein bisschen Kiosk-Zeug und Café,
muss ich ein bisschen kreativ sein für meine nächste Resupply. Ich habe mir keine Fresspakete
geschickt, denn ich versuche hier die Possum-Strategie. Erst mal die
"free Food" Boxen im Hostel hamstern, dann andere Wanderer, die sich
Fresspakete geschickt haben, beim Auspacken beobachten (oder Hilfe
anbieten beim Tragen der riesigen Boxen) und dann gaaaaanz unauffällig
Kommentare fallen lassen wie "wow, das ist aber ganz schön viel für eine Drei-Tages-Etappe, meinst du nicht?" Und dann, flink wie ein
Weka, aber ohne auffälliges Gackern, zugreifen, wenn sie zögerlich die
drei Thunfischpackungen, Nudeln und extra Schokoriegel in Richtung free
Food Boxen schieben. Bingo! Im teuren Shop muss ich dann eigentlich nur
noch ein paar Cracker, Käse und Gummibärchen kaufen. Schliesslich ist
alles organisiert, die Wäsche im Tumbler und ich schlurfe in
Gummilatschen, Regenjacke und Sarong ins Cafe für mein wohlverdientes
Bier.
Leider sind die berühmten Keas, welche hier gerne den Touristen
das Futter vom Teller klauen, nicht anwesend. Aber heute ist Lukas '
Geburtstag, und wir wollen alle zusammen feiern. Dummerweise macht das
Cafe schon um halb acht zu, also stehen wir alle schon um sechs an der
Bar: Lukas und Vanessa natürlich, die Franzosen Nic, Loulou und Marie,
die Amerikaner Katie, Durango und Daisy. Die Burger schmecken super, das Bier
kann man trinken, der Wein und Rüeblikuchen auch. Nach dem Feierabend
ziehen wir mit zwei Sixpacks aus dem Laden ins Hostel und feiern dort
weiter bis zur "Hiker midnight" (will heissen: Sonnenuntergang 🤣).
Manchmal ist es auch schön, wenn man kein Einzelzimmer mehr ergattert
hat. Ich schlafe jedenfalls top im Schlafsaal 😅.
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