Dienstag, 10. Dezember 2013

Der Indien-Radlerin-Reise-Koller (kurz: IRRK), eine tückische Krankheit



Vorkommen
IRRK tritt hauptsächlich bei weiblichen Langzeitreisenden auf, die dem Hippie-Backpacker-Alter entwachsen sind, ein Mass an Privatsphäre schätzen  und sich nach gewissen Annehmlichkeiten der westlichen Welt sehnen.  Besonders verbreitet unter Radlerinnen, die viel Zeit auf indischen Holperpisten verbringen (sogenannten Nebenstrassen, die vielversprechend einsam, naturnah und ruhig aussehen, sich dann aber als genauso lärmig, verkehrsreich und stressig wie die Hauptstrassen entpuppen, mit dem Zusatz von zahlreichen Schlaglöchern und holprigem Schotter-Asphalt-Gemisch). 

Ebenfalls weit verbreitet ist IRRK unter Reisenden, die sich seit Monaten in Kulturkreisen bewegen, in denen Frauen praktisch unsichtbar sind, und somit eine westliche Radlerin eine ungeniert zu begaffende Sensation darstellt (man stelle sich als Vergleich eine Inderin vor, die auf einem Elefanten durchs Luzerner Hinterland reitet…). Durch die vielen potentiellen Hindernisse auf indischen Strassen (Tiere, Schlaglöcher, unvorhersehbare Manöver der andern Verkehrsteilnehmer) ist grosse Konzentration auf ein paar Meter Asphalt (oder Schotter) vor einem erforderlich. Dies verursacht einen Tunnelblick und lässt die Radreisende viele schöne Dinge übersehen (Blumen, Berge, Tempel, winkende Kinder, Vögel). Dieser Tunnelblick, ein klassisches Phänomen von IRRK, verursacht die verzerrte Wahrnehmung, dass Indien lediglich aus Abfall, Abgasen, Lärm, Verkehr und Fäkalien bestehen könnte.

Ursachen und Symptome:
Neben den allseits bekannten Problemen einer Indienreise (grosses Gefälle zwischen arm und reich, viel sichtbares Elend, ungewohntes Essen, Verdauungsstörungen und Mundverbrennungen wegen hohem Schärfeanteil, eine Milliarde Einwohner und somit überall viiiiiele Menschen, mysteriöse und teilweise verstörende Religion und Kultur) gibt es zahlreiche weitere Ursachen für IRRK. Hier eine Auswahl:

  • Dauerhupen: Abgesehen von prekären Strassenzuständen (siehe oben), die das Zehnfache an Verkehr schlucken müssen, als wofür sie ursprünglich konzipiert wurden:  die unendliche Lärmfreudigkeit der indischen Verkehrsteilnehmer, sei es Trucks, Busse, Rikschas, Motorräder oder Fahrräder. Die Hupe/Klingel ist das wichtigste Utensil und wird wahllos, freudig und dauernd eingesetzt. Dabei leidet natürlich der Einsatz von Bremsen, Ausweichmanövern oder ein Blick in den Spiegel. Gelegentlich beeinträchtigte Fahrkünste werden zusätzlich durch hektisches, brüllendes Telefonieren, um die Huperei zu übertönen, hervorgerufen.
    Symptome
    : abendliches Tinnitus-Klingeln im Ohr, dröhnender Kopf, der zur Grösse einer Wassermelone angewachsen scheint, abrupter Anstieg im Verbrauch von Oropax (dessen Nachschub nicht gesichert ist), Daumenkrämpfe vom eigenen Fahrradklingeleinsatz, um sich auf der Strasse Gehör zu verschaffen (Resultat dessen eher fragwürdig ist, aber frau lässt ja nichts unversucht).
  • Ruhelosigkeit: Unfähigkeit der einheimischen Bevölkerung, die Ruhe zu ertragen. Wenn nicht gehupt oder telefoniert wird, dann lautstark diskutiert, Ferngesehen in Überlautstärke, Musik beschallt übers ganze Tal. Ansonsten wird auch fleissig am Haus repariert und ausgebaut, mit Fräsen, Hämmern und Klopfen.
    Symptome
    : erhöhter Nerv-Faktor bereits beim Kühe-Muhen oder morgendlichem Vogelgesang deuten darauf hin, dass das Mass an zu ertragendem Lärm bei der Radlerin bereits überzogen ist, noch bevor sie auf der Strasse steht.
  • Festfreudigkeit: Inder haben den Drang zum Heiraten und dazu mindestens 1000 Gäste einzuladen, die gerne zu lautstarker, wummernder, geschmackloser Musik die Nacht zum Tag machen. Wenn grade mal keine Hochzeit stattfindet, dann sicher sonst ein Fest, ein Umzug mit viel Drängelei, Trommeln und quäkenden Blasinstrumenten (Beherrschung von Instrument oder Rhythmusgefühl nicht erforderlich).Symptome: Steigerung der persönlich bereits ausgeprägten Abneigung gegen Eheschliessung. Verwünschungen von moderner Technik und indischen Musiklehrern, Herbeisehnen von Stromausfällen (ein frommer Wunsch, diese kommen nie dann, wenn man sie braucht).
  •  Ausscheidungen: zumindest die männliche Bevölkerung hat den kompulsiven Drang, andauernd und immer in guter Sichtweite der Strasse zu urinieren, sich zu übergeben oder noch Schlimmeres. Pausen am Strassenrand sind für die Radlerin somit stets begleitet von Toilettengeruch, wenn nicht sogar Ausblick auf aktiven Toilettengang. Strassenränder und Haltebuchten sind oft die reinsten Tretminen-Slaloms. Hinzu kommen zahlreiche Kuhfladen, welche das ungebremste Sausen um eine Kurve zum echten Flitzer lassen werden.
    Symptome
    : Dehydrierung vom weniger trinken, damit man selber nicht am Strassenrand sein Geschäft erledigen muss, freudlose und kurze Pausen, Zweifeln an der Weiterentwicklung der Menschheit. Unbändige Freude über jedes noch so lausige Plumsklo mit Türe, z.B. an einer Tankstelle.
  • Tiere aller Art: hauptsächlich Kühe, die überall auf der Strasse rumstehen, keine Angst kennen vor dem Verkehr und nicht ausweichen. Da als „heilige“ Tiere überall geduldet, provozieren diese viele Fast-Unfälle und riskante Bremsmanöver, bzw. unverhofftes Ausweichen auf die Gegenfahrbahn (ungeachtet des Gegenverkehrs). Affen belegen ebenfalls einen nicht unbeträchtlichen Anteil der Strasse, weichen aber meist furchtsam aus. Kühe können trotz ihrer Heiligkeit manchmal aggressiv werden und Touristinnen auf die Hörner nehmen, insbesondere, wenn diese Nahrungsmittel dabei haben. Gilt auch für Affen, minus die Hörner.
    Symptome
    : insbesondere bei Alpenland-Bewohnerinnen grosse Überraschung, dass diese in unseren Landen so zahmen und friedliebenden Kuhkreaturen einem auf die Hörner nehmen. Manisches Überprüfen der Bremsen, damit diese ja immer funktionieren. Dankbarkeit um die vorgenommene Tollwutimpfung. Erstaunen, dass indische Kühe „Milk“ auf der eingeschweissten Tüte lesen können und dies so persönlich nehmen, dass sie die Touristin angreifen.
  • Sauberkeit: Hotels werden zu 99% von Männern geführt und „geputzt“. Dies hinterlässt Spuren – vor Dreck starrende Bäder, seit Monaten nicht gewechselte Bettbezüge, bereits mehrfach benutzte Handtücher, Ungeziefer und Ratten überall, nicht geleerte Abfalleimer (falls überhaupt vorhanden) und einen ratlosen Blick, wenn man nach Toilettenpapier verlangt (letzteres kann zu einer Preiserhöhung des Zimmers führen).
    Symptome
    :  ehrliche Reisende werden zu Handtuchklauerinnen bei der erstbesten Gelegenheit, wo es ein sauberes hat. Duschen nur in Sandalen. Schlafen nur nach genauer Inspektion der Matratze, Entfernen der Mäusekacke und seufzendes Ausrollen des Schlafsacks und Beziehen des Kissens mit dem eigenen Sarong (Motto: lieber der eigene Schmutz als der von zahlreichen Fremden). Knausrigkeit beim Benutzen des teuer erstandenen Toilettenpapiers in der letzten Touri-Meile. Manisches Horten von seltenen Plastiktüten und beschämendes Entsorgen von sanitären Produkten an Orten, wo sie die Haustiere (=Ratten) hoffentlich vor dem Hotelbesitzer finden.
  • Unsichtbare Frauen: insbesondere auf dem Land sind indische Frauen im öffentlichen Leben kaum sichtbar. Nicht nur Hotels, sondern auch die meisten Läden, Restaurants, Cafes und Imbissbuden werden von Männern geführt. Frauen sieht man als Touristin eventuell bei der Feldarbeit oder auf dem Heimweg dessen, schwer beladen mit Feuerholz oder riesigen Ballen Grünfutter für die Kühe. Ab und zu verkaufen sie Gemüse auf dem Markt oder helfen bei einer Dhaba im Familienbetrieb mit, jedoch sehr selten. Dann sind sie scheu und zurückgezogen, sprechen oft kein Englisch. Manchmal sind die einzigen Kommunikationsmöglichkeiten ein Lächeln.
    Symptome:
    Heimliches Anzweifeln der offiziellen Statistiken, dass in Indien auf 100 Männer nur noch etwa 85 Frauen kommen – gemäss den Beobachtungen der Radlerin können es nicht mehr als 10 sein.
  • Verzerrtes Bild der westlichen Frau durch die Medien und Tabuisierung des unbeschwerten Kontakts mit der einheimischen weiblichen Fraktion führen zu seltsamen, ja gar lästigen Verhaltensweisen der männlichen Bewohner gegenüber einer Fremden: ungeniertes Starren, kompulsives „Helloooooo“-Zurufen, oft gefolgt von weniger schmeichelhaften Sätzen, welche der Inder auf Englisch beherrscht, indiskretes Nachfragen nach Zivilstand, Drang zu unbeholfenen Berührungen der Westlerin, sei es nur durch Arm umlegen für ein Fotoshooting.
    Symptome:
    Verlust am Vertrauen in die männliche einheimische Bevölkerung verursacht durch zahlreiche unfreiwillige Grabschkontakte. Akute Paranoia vor Fotoshooting mit indischen Männern. Groll gegen MTV und billigen Hollywoodklischees. Wütende, aber sinnlose Tiraden gegen freche Jungs. Ihnen schlechtes Karma fürs nächste Leben an den Hals wünschen (z.B. Wiedergeburt als Enddarmbakterium).
  • Anderes Verständnis von Ehrlichkeit. Oft wird einem der Inder die eigene Rechtschaffenheit beteuern, und im gleichen Satz für eine Dienstleistung das Zehnfache des Preises, den die Einheimischen zahlen, verlangen. Vereinbarte Preise werden im Nachhinein erhöht. „Dienstleistungen“ erbracht, die man nicht verlangt hat, und dann abkassiert. Dies mit einem Lächeln, das keiner Fliege etwas zuleide tun könnte und empörtem Ausrufen, wenn die Reisende auf einen fairen Preis (zum Beispiel, nur das Dreifache des Einheimischen-Preises zu bezahlen) besteht.
    Symptome
    : grenzenlose Knausrigkeit beim Einkaufen täglicher Dinge, totales Ausblenden des aktuellen Wechselkurses, Verdrängen, dass man soeben für weniger als 5 Euro fürstlich zu zweit gespeist hat und für weniger als 1 Euro durch die halbe Stadt gekarrt wurde. Unschöne Dialoge mit Hotelbesitzern und selbsternannten Parkplatzwächtern.
Therapiemöglichkeiten
Vorsicht: hierbei handelt es sich um Arzneimittel. Bitte beachten Sie die Packungsbeilage.
 
1) Austausch und Herzausschütten bei anderen westlichen Reisenden (auch bekannt unter: geteiltes Leid ist halbes Leid). Diese Methode ist lediglich Symptombekämpfung und garantiert keine Heilung. Sie kann jedoch das Leid akut lindern, hat keine nachhaltigen Nebenwirkungen und tut der Seele gut. Insbesondere, wenn die Radlerin sich mit andern weiblichen Wesen austauschen kann. Besonders geeignet: alte WG-Partnerin, die sich per Zufall grad am selben Ort aufhält und langjährige Indienerfahrung besitzt. Fazit der Patientin: Danke tuusigmol, Daniela! 

2) Hamburger und Pizza: an touristischen Orten erhältlich und durchaus geniessbar. Gute Abwechslung von der indischen Kost, kann das Heimweh vorübergehend bekämpfen. Pure Symptombekämpfung, kein nachhaltiger Effekt (ausser Nebenwirkungen wie Pickeln und leichtem Völlegefühl). Leider kein Ersatz für einen herzhaften Greyerzerkäse, ein feines Ruchbrot oder gar echte Schweizer Schoggi. Ganz zu schweigen von Mamis Weihnachtsguezli oder einem feinen Glühwein (oder zwei, drei) auf dem verschneiten Weihnachtsmarkt. Fazit der Patientin: Pommes sind doch nicht sooo übel, wenn sie nicht immer in Alu Gobhi Version daherkommen. Indische Hamburger schmecken auch ohne Rind (es lebe der Vegiburger). 

3) Flucht nach Goa (auch bekannt unter: (R)inderfreie Zone). Vorteile: die Patientin kann Indiens wunderbares Winterwetter (=Sommer, Sonne, Meer) geniessen, an gewissen Stränden sogar im Bikini baden, ohne begafft zu werden, ohne den ganzen Indien-Stress. Nebenwirkungen: kostenspieliges Unterfangen, besonders zur Weihnachtszeit. Mögliche Überdosis an europäischen Sonnenanbetern, Partygängern und Alkoholleichen. Nicht das wahre Indien, weshalb man hergekommen ist, daher innere Gewissensbisse vorprogrammiert. Ausserdem ein Chrampf zum Hinkommen, egal mit welchem Transportmittel, wenn man ein Velo, Fahrradtaschen und eine Gitarre im Schlepptau hat. Und den Bikini schon vor Wochen nachhause geschickt hat. Fazit der Patientin: dieses Medikament erst einsetzen, wenn es nicht mehr anders geht. Einnahme vorläufig verschoben, vielleicht nach dem Weihnachtsrummel. 

4) Einchecken in ein Hotel mit Annehmlichkeiten die da wären: Wifi überall, unten an der Rezeption gute Kaffeebar mit echtem Espresso zu horrenden Preisen, Dachrestaurant, an dem man tagsüber ungestört und der Kingfisher-Nachschub gesichert ist. Sich über dessen Kosten nicht aufregen. Eine saubere Dusche, ein westliches, sauberes Klo, frisch gewaschene Handtücher, Toilettenpapier-Nachschub auf freundliches, insistierendes Nachfragen gewährleistet. Nebenwirkungen: Tendenz zu erhöhtem Alkoholkonsum und exzessivem Koffein-Intake. Verbarrikadieren im Hotelzimmer und über Wifi Herzschmerz-Filme herunterladen. Träge wie ein Faultier werden (soll ich wirklich die zwei Minuten bis zum Laden um die Ecke laufen, um Milch zu kaufen, oder schmeckt das Müesli auch trocken?). Potentiell auf dumme Gedanken kommen. Fazit der Patientin: funktioniert für eine bestimmte Zeit. Irgendwann muss man sich aber den indischen Tatsachen trotzdem stellen. 

5) Vipassana-Meditation: 10 Tage meditierend und schweigend verbringen. Strikter Tagesablauf (4.00 Uhr Tagwache), geregelte Essenszeiten (2x am Tag), bestehend aus Reis und Dahl, kein Alkohol. Fazit der Patientin: Nichts für mich. Sie hat sich für Option „Einchecken in angenehmes Hotel“ (s. oben) entschieden, während ihr Partner dieses Medikament alleine ausprobiert.  

6) Fahrzeug wechseln: mit dem Fahrrad durch Indien reisen ist nur für Hardcore-Radlerinnen. Definitiv nicht zu empfehlen. Als Behandlungsmethode bietet sich an, die Reise anderweitig zu gestalten: zum Beispiel mit dem Motorrad. Erfordert jedoch ein bisschen Erfahrung und idealerweise sogar noch einen offiziellen Motorradführerschein, zumindest, um eine Bullet zu fahren. Wäre etwas schneller als der Fahrradpartner, würde somit aber zu vielen zusätzlichen Pausen verhelfen. Da Pausen in Indien weniger schön sind (siehe oben), könnte man allenfalls im Radeltempo schleichen. Vom Autofahren in Indien ist abzuraten, Rikschafahren nur für den Nahverkehr geeignet. Allenfalls kommen Kamel, Elefant oder Esel in Frage. Nebenwirkungen: unbequeme Sitzhaltung, vermutlich langsamer als der Partner mit dem Fahrrad. Zug und Bus: durchaus gut machbar, auch für eine Frau alleine. Schwieriger, wenn der Partner lieber radeln möchte, wird zur logistischen Herausforderung. Fazit: die Patientin hat nach einer ersten Fahrprobe auf einer Bullet etwas Zweifel, müsste noch recht viel üben. Mit Gas und Kupplung und so. Aber Spass machts, Fahrersitz definitiv bequemer als Beifahrersitz. Vielleicht ein Scooter? Eine erste Nachtzugerfahrung fand die Patientin eher abschreckend und bürokratisch. Allenfalls aufsteigen von der Holzklasse in die AC Sleeper. Dort kann man nämlich die Türe zumachen. Ohne Fahrradverlad definitiv weniger kompliziert. Behandlung hat Potential.

7) Embrace India: diese Behandlungsmethode ist die krasseste von allen. Sie verlangt extreme Willensstärke, grosse Aufopferung, unendliche Flexibilität, Freude an den Menschen und ihren Eigenheiten in diesem Land. Diese Rezeptur erfordert ein intensives Auseinandersetzen mit der indischen Kultur, Sprache, Religion und viel Kontakt mit den Einheimischen. Ärger, Nervenaufreibungen, Unwohlsein und schlaflose Nächte sind vorprogrammiert. Nach Durchziehen dieser Kur ist die Patientin dafür lebenslang vom Indien-Reisekoller geheilt und kann unbehindert die schönen Seiten dieses Landes geniessen. Nebenwirkungen: siehe auch Ursachen. Fazit der Patientin: mehrfach versucht, bisher kläglich versagt. 

8) Heimreise (auch bekannt unter: Bettel hinschmeissen): diese radikale Methode kann die IRRK-Beschwerden natürlich sofort und restlos heilen. Bei dieser Behandlung ist allerdings mit folgenden, nicht zu unterschätzenden Nebenwirkungen zu rechnen: deutliche Belastung des Geldbeutels für den Rückflug. Akuter Klima- und Kulturschock, vor allem bei einer Heimreise in den europäischen Winter (Schnee, Regen, Matsch, Hochnebel...) und die stressige Vorweihnachtszeit. Festtags-Familienbesuche mit Partner koordinieren kann kompliziert werden. Geschenke besorgen ebenfalls. Erfordert weitere Zukunftspläne, mit Fragen der Angehörigen („Und was nun?“) zu folgenden Themen ist zu rechnen: Arbeit suchen, Wohnung mieten, das Übliche? Oder doch etwas ganz Anderes? Und will die Patientin das Vagabundenleben tatsächlich aufgeben, wieder sesshaft werden? Und wenn, dann wo? Schweiz, Deutschland, anderswo? Oder doch nur schnell zuhause vorbeischauen, neue Energie tanken, ein Time-Out sozusagen? Und dann nach den Feiertagen wieder ab in die Wärme? Eine weitere Nebenwirkung könnte auch ein gewisses Gefühl von Schwäche oder Scham sein, dass man es nicht „ausgestanden“ hat, dass man zu verwöhnt/alt/anspruchsvoll ist für gewisse Reiseformen, oder noch schlimmer, einfach zu wenig abenteuerlich? Diese Nebenwirkung mag durchaus auch im Heimatland noch anhalten und einen gewissen „Was wäre wenn…?“ Nachhall-Effekt haben. Fazit der Patientin: wenn auch schmerzhaft für den Geldbeutel und fürs Ego, so scheint diese Behandlungsmethode immer verlockender. Endlich wieder Freundinnen und Familie sehen. Vertraute Sprache sprechen und die Menschen verstehen, nicht nur ihre Worte, sondern auch, was sie damit meinen, wie sie ticken. Gewisse Selbstverständlichkeiten zuhause wie Aufrichtigkeit, Sauberkeit (verantwortungsvolle Müllentsorgung, zum Beispiel), (Strassen-)Ordnung. Mamis Weihnachtsguetzli, Schweizer Käse und Schoggi. Zukunftspläne schmieden sich am besten in einer Umgebung wo man sich wohlfühlt, nicht in einem düsteren Hotelzimmer. Das Visum läuft noch bis zum April, eine Rückkehr nach Südasien, vielleicht ohne Fahrrad aber mit besserer Laune, ist jederzeit möglich. Wenn die Behandlungsmethode nicht anschlägt, dann gibt’s ja immer noch sieben andere! :-)

Liebe Schweiz, Rückflug ist gebucht, ich komme. Ankunft Zürich Flughafen am Samstag, 21. Dezember morgens um halb sieben. Empfangskomitee nicht nötig, ist viel zu früh am Weihnachtswochenende ;-) Aber wer über die Feiertage in der Schweiz ist und Zeit hat, ich würde mich freuen, bei euch mal auf ein Glas Rotwein, Glühwein, Quöllfrösch oder einfach Rivella vorbeizuschauen. Wenn’s sein muss, auch ein Chai :-)
Bis bald!

Mittwoch, 6. November 2013

Das Chaos hat einen Namen - Namaste, India!

New Delhi, Arakashan Road, abends um sieben Uhr.
Wir sitzen im "Rooftop Restaurant" gegenüber von unserem Hotel und versuchen, unsere fünf Sinne wieder zusammenzubekommen. Noch keine vier Stunden sind wir in Indien, und schon liegen meine Nerven blank. Viele von euch haben mir von eigenen Indien-Erfahrungen (oder denen von Bekannten) berichtet, und vorsichtig, wie ich bin, habe ich mich natürlich auch informiert über das Land und seine Eigenarten. "You love it or you hate it", scheint die einhellige Meinung zu sein. Vor absolut chaotischem Verkehr wurden wir gewarnt. Vor einer Milliarde Menschen, die überall gleichzeitig zu sein scheinen, und nichts besseres zu tun haben, als einem anzustarren. Von heiligen Kühen und unsanitären Zuständen, garantiertem Durchfall und vom besten Essen der Welt. Von Dschungeln und Bergriesen, alten Palästen und ultramodernen Städten. Von Dauerlärm und Schweige-Ashrams. Vom Hippie-Trail in Goa und von einsamen Bergpfaden im Himalaya. Wir haben vieles gehört, uns auf diesen Subkontinent gefreut und ihn gleichzeitig gefürchtet. Und nun sitzen wir da, und es scheint mir, ich gehöre eher zu der Sorte Leute, die Indien hassen. All die mentale Vorbereitung kann einem nicht auf das Chaos vorbereiten. Schon am Flughafen geht es los - hundert helfende Hände wollen sich um unser Gepäck kümmern (gegen Bakshish, versteht sich). Unser Taxifahrer bringt uns sicher in die Innenstadt, und anfangs geht alles ganz gut, der Verkehr rollt einigermassen, zwar chaotisch und stinkend, aber immerhin, wir kommen vorwärts. Doch dann, wir sind nur noch wenige hundert Meter von unserem (zum Glück vorgebuchten) Hotel entfernt - der totale Deadlock. Nichts geht mehr. Hunderte von Taxis, Motorrikschas, Lastfahrräder, Ochsenkarren und Fussgängern sind ineinander verkeilt, alle hupen, rufen durcheinander. Eine enge Unterführung ist das Problem, und wo der Verkehr eigentlich mal in zwei Richtungen ging, bewegt sich nun alles nur noch im Einbahnverkehr, natürlich gegen uns. Fussgänger steigen über Autos hinweg, die Rikschafahrer drängen sich in jede noch so kleine Lücke vor, so dass unser Minibus-Fahrer keine Chance hat, obwohl er sich grosse Mühe gibt mit der Hupe. Da unsere Räder noch verpackt sind, können wir auch nicht einfach aussteigen und zu Fuss gehen. So bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten - Shanti, Shanti, nur die Ruhe.


Nach etwa einer Stunde löst sich der Knoten auf und wir stehen endlich vor unserem Hotel. Noch können wir nicht aufatmen, denn nun wollen ein halbes Dutzend Hotelangestellte sich um unser Gepäck reissen, um das wir uns ganz gut hätten selber kümmern können. Wir müssen zum ersten Mal die langwierige Checkin-Prozedur in einem indischen Hotel über uns ergehen lassen. Nachdem wir mit dreifachem Durchschlag unseren ganzen Lebenslauf aufgeschrieben haben, dürfen wir endlich unser Zimmer beziehen. Es hat zwar keine Fenster, doch nicht so schlimm, für Unterhaltung ist gesorgt: sämtliche Hotelangestellten wuseln durch den Raum, drücken an unzähligen Schaltern herum und sorgen für Festbeleuchtung (wie wir später feststellen, hat es in jedem indischen Hotelzimmer ca. 20 Schalter, an den verschiedensten Orten, in denen in allen möglichen Kombinationen diverse Lämpchen, Steckdosen, Ventilatoren, Klimaanlagen und Boiler eingeschaltet werden können). Ein Angestellter meint es besonders gut mit uns und schaltet den Fernseher auf Höchstlautstärke ein, damit es uns nicht zu leise wird. Ein anderer wuselt mit Handtüchern und Seifen herein, der nächste erklärt uns den nicht funktionierenden Safe, noch einer wedelt mit dem Zimmerservice-Menü herum, und alle stehen sie am Schluss da und halten die Hand auf. Danke schön! Endlich sind alle draussen, wir verriegeln die Tür und fallen erschöpft aufs Bett. In dem Moment kommt der Ventilator stotternd zum Stehen und sämtliche Lichter erlöschen - Stromausfall. Willkommen in Indien! Zwar springt dann der hoteleigene Generator an (was wir damals noch nicht recht zu schätzen wussten, denn längst nicht jedes Etablissement hierzulande verfügt über so eines), dennoch beschliessen wir, ausser Hause auf Nahrungssuche zu gehen. Gleich gegenüber lockt ein Schild mit "Rooftop Restaurant". Wir wagen den todesmutigen Sprung über die Strasse, zwischen quietschenden Bremsen, einem wütenden Hupkonzert und dem Gejaule der Strassenhunde, und steigen die enge, nicht sehr anmächelig wirkende Treppe hoch zum "Restaurant". Oben ist niemand, wir sind die einzigen Gäste. Nach einer Weile erscheint ein Jugendlicher, wischt die klebrigen Tische mit einem dreckigen Lappen und nimmt unsere Bestellung auf. Wir haben, auf guten Rat hin, beschlossen, in Indien vegetarisch zu leben, zumindest am Anfang. Da die meisten Inder Hindus sind und kein Fleisch essen, und damit mit dessen Zubereitung sowie Aufbewahrung keine grossen Erfahrungen haben, riskiert man eher, sich mit Fleisch den Magen zu verderben. Die indische Küche hat so viele abwechslungsreiche vegetarische Gerichte, dass uns schon ohne Fleisch die Auswahl aus unzähligen Gerichten schwer fällt. Wir entscheiden uns für den Anfang für ein vegetarisches Thali, eine Art "gemischte Platte" mit vielen kleinen Schüsselchen voller leckerer Curry-Gerichte, dazu Reis und Chapati, das indische Fladenbrot. Der junge Kellner wackelt mit dem Kopf und verschwindet. Das Kopfwackeln kann vieles heissen, von Ja bis Nein, meist aber etwas in der Art: ok, geht klar, vielleicht, möglicherweise, im Moment grad nicht, ich habe verstanden. Die Interpretation ist dem Empfänger überlassen und es erfordert einige Zeit in Indien, um das jeweilige Kopfschütteln korrekt zu interpretieren.
Während wir aufs Essen warten (offenbar müssen die frischen Zutaten erst noch auf dem Markt geholt werden, denn es dauert...), starren wir stumm auf die Strasse unter uns, wo das Chaos auch nach Sonnenuntergang ungetrübt weitergeht. Die Huperei ist extrem laut, konstant und nervtötend. Anstatt eines Trottoirs sind die Strassenränder zugestellt mit parkierten Vehikeln, fliegenden Händlern, brutzelnden Garküchen, schlafenden Hunden, offenen Abwasserkanälen, bettelnden Kindern und Teestuben. Nach unserem zwar überteuerten, aber leckeren Nachtessen wollen wir noch etwas durch die Strassen schlendern, doch ich fühle mich dermassen gestresst ob all der Eindrücke und dem rücksichslosen Verkehr, dass wir uns bald ins Hotel zurückziehen. Wir steigen noch kurz auf die Dachterasse unseres Hotels, bevor wir uns in unser Bunkerzimmer mit Konservenluft zurückziehen, doch auf dem Dach schlafen die Angestellten (unter offenem Himmel), so dass es auch keine gemütliche "Rückzieh-Oase" ist. Am nächsten Morgen beschliessen wir, Delhi so rasch wie möglich zu verlassen. Unsere Strasse ist voll von Reiseagenturen, die sich um das "Wohl" der Touristen kümmern und ihnen, so scheint es mir, auf jegliche Art und Weise das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Wir finden einen einigermassen sympatischen Travelagent, der uns ein Zugticket nach Chandigarh bucht für den nächsten Tag. Somit können wir den Nachmittag mit Sightseeing verbringen. Wir steigen in eine Motorrikscha und lassen uns zum Red Fort bringen. Natürlich werden wir beim Preis übers Ohr gehauen, aber wir müssen uns hier immer die Relationen vor Augen halten: für die paar Kilometer Taxifahrt bezahlen wir weniger als einen Euro. Das Red Fort ist eine der Top Sehenswürdigkeiten Delhis, es steht unter Schutz der Unesco und ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Wir bestaunen das gewaltige Tor aus rotem Sandstein, die wunderschönen Palastanlagen der Grossmoguln im Innern. Die Architektur der Audienzsäle und privaten "Diwans" erinnert sehr an die persische Architektur im Iran.


Wir geniessen auch die riesigen Parkanlagen, die relative Ruhe und erholen uns vom Stress der Grossstadt. Ein paar herzige Streifenhörnchen betteln um Futter und beissen mir zum Dank für eine Erdnuss in die Finger. Bunte Papageien flattern durch die Bäume.


Kaum verlassen wir das Monument, geht der Stress schon wieder los: ein halbes Dutzend "Schlepper" will uns gleich zur Führung durch die grosse Moschee mitnehmen oder auf eine Stadtrundfahrt entführen. Kein Entkommen. Dummerweise äussere ich den Wunsch auf ein Lassi (eine Art Joghurtdrink). Natürlich werde ich nun zum nächsten Lassi-Stand geführt, ob ich will oder nicht. Endlich gelingt es uns, den hartnäckigen "Helfern" zu entfliehen, wir hüpfen in die nächste Autorikscha - nichts wie weg von hier. Unser Fahrer will grad aufs Gas drücken, als Sven plötzlich eine Bewegung an seinem Bein registriert - und zum Glück sofort reagiert: die Kamera ist weg! Hinter der Rikscha steht offensichtlich ein armseliger Typ mit meiner Kamera in den Pfoten, wie vom Donner gerührt. Ich kann ihn nicht sehen, dafür aber den älteren Mann, Bart bis zu den Knien, der eine Fahrradrikscha neben uns geparkt hat, der den Dieb übelst beschimpft und offenbar dermassen beschämt, dass Sven die Kamera wieder in die Hand gedrückt wird. Das alles spielt sich in ein paar Sekunden ab, wir können Herrn Weissbart kaum recht Danke sagen, schon rollen wir davon durch Delhis chaotische Strassen. Ich sitze irgendwie völlig benommen und fassungslos in der Rikscha. Wir fahren zu einem Hindu-Tempel, ziehen die Schuhe aus und kühlen unsere Sohlen auf dem weissen Marmor, während wir durch den Tempel laufen. Ob all der indischen Gottheiten mit ihren vielen Armen und Beinen werde ich ganz konfus. Überall sehen wir das Swastika, welches bei uns mit einer so andern Bedeutung vorbelastet ist, hier jedoch eine sehr religiöse, positive Bedeutung hat - ziemlich befremdlich.


Ich ziehe mich in eine Ecke zurück, kämpfe mit den Tränen ob der krassen Eindrücke der letzten zwei Tage und frage mich ernsthaft, ob es eine schwachsinnige Idee war, in dieses Land zu kommen. So lange haben wir uns auf Indien, das "Ziel" unserer Reise gefreut, sind fast 5000 km geradelt, haben keine Mühen gescheut, unser Visum zu erhalten, und nun sind wir hier, und ich würde am liebsten gleich wieder abreisen. Zum Glück erhalten wir von Freunden via Facebook Zuspruch, dass wir uns etwas gedulden sollen, und nicht gleich aufgeben. Am nächsten Morgen beschliessen wir daher, das Zugticket sausen zu lassen - den weiteren Stress, mit unserem Megagepäck an den riesigen Bahnhof zu kommen und die bürokratische Tortur, unsere Räder in den Gepäckwagen zu verfrachten, wollen wir uns ersparen. Stattdessen buchen wir ein Taxi. Es kostet uns fast das zehnfache des Zugtickets, doch für 50 Euro kommen wir so stressfrei von Hoteltüre zu Hoteltüre ins 200 km entfernte Chandigarh. Dort finden wir zwar nur ein überteuertes Hotelzimmer mit Schimmel an den Wänden und ich sehe eine fette Ratte durch die Gänge huschen. Doch hier beginnt die Strasse in den Himalaya nach Shimla, unserem nächsten Zwischenziel. Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, nehmen ein leckeres, einfaches Frühstück am Strassenrand zusammen mit andern Indern, die zur Arbeit unterwegs sind. Endlich wieder auf den Rädern sitzen und auf eigene Faust unterwegs sein! Mit jedem Kilometer fühle ich mich befreiter. Zwar ist der Verkehr immer noch intensiv, doch die ersten paar Kilometer geht es flach durch die Ebene und wir gewöhnen uns bald an den Linksverkehr - unsere Rückspiegel sind schnell auf der andern Lenkerseite montiert ;-). Dann biegt der "Himalayan Expressway" ab - es geht in die Berge!


Nach fast zwei Monaten in wüstenhaften Gegenden sind wir total begeistert ob der Vegetation: alles ist grün, der Strassenrand total überwuchert mit Ranken, Blumen, wilder Vegetation. Wir saugen das Grün regelrecht auf. Wir sehen die ersten Affen am Strassenrand und versuchen begeistert, diese mit der Kamera festzuhalten - gar nicht so einfach!


Die Strasse steigt nun stetig an, bald sind wir ordentlich am Schwitzen. Das Klima ist schwül, wenn auch nicht so heiss wie im Oman. Bald kurven wir hoch über einem Tal, Nebel schwadert um uns herum. Es nieselt fast, so feucht ist die Luft. Die Strasse windet sich den Bergkämmen entlang, mal stecken wir im dicksten Nebel, dann sehen wir plötzlich wieder die andere Talseite. Über 1000 Höhenmeter schaffen wir am ersten Tag. Es herrscht immer noch dichter Verkehr und die Strasse ist ziemlich eng, so sind wir recht froh, als wir am späten Nachmittag ein einfaches, aber sauberes Hotel finden. Der Besitzer verkauft auch Fruchtwein aus der Umgebung und wir gönnen uns eine Flasche Pflaumenwein. Auf dem Balkon des Hotels schauen wir hinaus aufs unsichtbare Tal (die Wolken wabern um uns herum), wir können die Dörfer und die andere Talseite erahnen, da wir Geräusche hören, aber nichts sehen. Ziemlich mystisch! Der Wein tut seine Wirkung, wir finden es recht chillig hier und geniessen den ersten Abend in Indien ohne Hupkonzerte, dafür mit Vogelgesang. Ein leckeres indisches Abendessen in einer Dhaba (ein Strassenrestaurant für Trucker, eine Art Raststätte) beschliesst unsern ersten Radeltag in Indien. So langsam beginne ich sogar, dieses Land zu mögen.


Die nächsten zwei Tage kurven wir noch weitere 2000 Höhenmeter rauf, immer durch grünen Dschungel, begleitet von Affen, Schmetterlingen, fantastischen Blüten und dem ewig rollenden Verkehr. Zwischendurch geniessen wir auch eine rasante Abfahrt im stockdicken Nebel. Erst am dritten Tag lichten sich endlich die Wolken und wir erhaschen einen ersten Blick auf noch weit entfernte, verschneite Gipfel.


Bald erreichen wir Shimla, die frühere Sommerresidenz der Engländer. Die gesamte Regierung zog in den heissen Monaten von den Städten hier hoch in die Berge. Bis heute ist es eine beliebte "hill station", Inder kommen gerne hier hoch fürs Wochenende, zum Heiraten oder für die Sommerferien. Die Altstadt ist recht kolonial, einige Gebäude könnten auch aus England stammen. Hier steht auch die zweitgrösste Kirche des Landes, die Christ Church. Wir sehen aber erst mal eine dicht befahrene Umfahrungsstrasse und finden endlich den Weg hoch auf die "Mall" zuoberst auf dem Hügelrücken, die zur Fussgängerzone umgewandelt wurde. Wir dürfen also unsere schwer bepackten Bikes den Berg hoch schieben.
Shimla ist total überlaufen von einheimischen Touristen, die fürs Dusseehra Festival hier sind und zu Ehren des Affengottes Hanuman zum berühmten Jakoo Affentempel pilgern. Die Hotelsuche gestaltet sich schwierig, für einfachste Zimmer werden Wucherpreise verlangt, und mit unseren schwer bepackten Fahrrädern kämpfen wir uns durch die Menschenmasse auf der Suche nach einer halbwegs akzeptablen Unterkunft. Unzählige "touts", lästige Helfer, die auf Komission Hotelzimmer "vermitteln", belästigen uns, lügen das Blaue vom Himmel. Wir quälen uns schiebend durch die Menge, Bettler, Pilger, Verkäufer überall. Mittendrin ein Schlangenbändiger, grad da wo der Weg am schmalsten ist - knapp 20 cm trennen mich von der Boa, die dem Baba um den Hals hängt, an der wir vorbeigequetscht werden. Panik! Endlich finden wir ein Hotel, in das wir uns zurückziehen können.


Am nächsten Tag besuchen wir den Affentempel hoch auf dem Hügel. Eine gigantische, rote Hanuman-Statue zeigt den Weg. Wir sind bald am Keuchen. Der Weg führt durch urtümlichen Bergwald, und wir werden von den Leuten gewarnt - die Affen hier seien ziemlich frech und diebisch. Also alles, was glitzert, einpacken, Kamera fest umklammern. Sven wird auch angehalten, seine Brille gut festzuhalten. Und tatsächlich sehen wir beim Aufstieg, wie ein diebischer Affe einem indischen Touristen die Brille von der Nase klaut. Der Trick, sie wiederzubekommen, besteht darin, dem Affen etwas Glitzriges zuzuwerfen (z.B. eine schreiend bunte Kaugummipackung) und darauf zu hoffen, dass er die Brille loslässt und sich auf die neue Beute stürzt. Klappt sogar!
Der Tempel ist gut besucht, Schuhe stapeln sich vor dem Eingang und werden neugierig von den Affen betatscht. Wir lassen unsere Schuhe daher lieber im bewachten Schuhaus und sehen uns den Tempel an. Doch innen herrscht ein solches Gedränge, dass ich bald wieder draussen bin. Die hunderten von Affen überall, auf den Dächern, Geländern und Wegen, lassen uns den Ort bald wieder verlassen.


Irgendwie finden wir auch in Shimla nicht die gewünschte Erholung und ziehen daher bald weiter. Ein einsames Bergtal im Himalaya, an der Grenze zu Tibet, lockt uns: das Spiti-Valley. Hier leben mehr Buddhisten als Hindus, und die tibetische Kultur, nur ein Steinwurf entfernt, ist sehr präsent. Der Weg dorthin ist jedoch hart: wir müssen uns erst auf fast 3000 Meter hochschrauben, nur um dann ännet wieder runterzusausen nach Kinnaur, dem Tal am Satluj River, dem wir folgen bis zum Zusammenfluss mit dem Spiti-River. Nicht nur die Höhenmeter machen uns zu schaffen: es herrscht nach wie vor viel Verkehr, und nachts finden wir, trotz der Abgeschiedenheit der Dörfer, keine Ruhe: eine Nacht, wir sind schon fast im Bett, fällt eine Busladung Schülerinnen im schlimmsten Teenie-Alter ein, die auf einem Ausflug sind. Sie machen die ganze Nacht Disco, immer wieder klopfen sie "aus Versehen" an unsere Zimmertür, und morgens um 4 Uhr, als mal wieder der Strom ausfällt, kommen sie zu uns, weil sie sich fürchten - wahrscheinlich kein MTV mehr am Fernsehen. Grrrr!!! Ich sage den verwöhnten Bälgern in höchsten Tönen meine Meinung, nicht dass es etwas nützte... Am nächsten Abend feiert eine Gruppe Studenten im Hotel neben uns die halbe Nacht mit wummernden Boxen und Lagerfeuer, alle Oropax helfen nicht gegen das Scheibenklirren. Unsere Nerven sind mittlerweile ziemlich strapaziert!
Ein Ruhetag von der Radelei und eine Wanderung auf den nahegelegenen Aussichtsgipfel, den Hatu Peak auf 3200m, soll unserem Sitzfleisch und unseren Ohren (von der ewigen nervenden Huperei auf den Strassen) etwas Ruhe gönnen. Doch oh weh, der "Wanderweg" ist bis oben geteert und natürlich kommt es keinem Inder in den Sinn, die Strasse hochzulaufen, wenn man auch mit dem Auto fahren kann. Weil es aber eng und kurvig ist, wird - ihr ahnt es - dauergehupt. Auch die beiden Ausländer, die so bescheuert sind, da hoch zu wandern, werden lustig begrüsst - mit einem extra lauten "Trööööööööt" auf die Hupe gedrückt. AAAAAARRRGH!!! Gibt es denn kein Entrinnen für uns? Oben angekommen, bin ich so genervt, dass ich kaum die tolle Aussicht geniessen kann. Dass jetzt auch noch alle, die uns auf dem Weg nach oben angehupt haben, freudig auf uns zukommen und ein Foto mit uns Exoten wollen, geht mir über den Strich. Wir sondern uns ab und finden doch noch ein ruhiges Plätzchen, um die Aussicht auf die noch fernen 6000er des indischen Himalayas zu geniessen. Auf dem Rückweg finden wir ein "Schleichweglein" und geniessen die Ruhe.


Am nächsten Tag fetzen wir runter nach Kinnaur, fast 2000 Höhenmeter Abfahrt. Die Piste ist holprig und die Bremsen kommen zum vollen Einsatz - so sehr, dass ich auf halbem Weg meine Bremsklötze austauschen muss.


Abends erreichen wir Rampur am Satluj River. Ab hier geht es nun stetig bergan, immer dem Fluss entlang nach oben, bis ins Spiti Valley auf über 3000 Meter. In unserem Hotel treffen wir Nina und Daniel, die gerade mit dem Töff, einer Bullet, unterwegs sind und eben aus dem Spiti Valley kommen. Sie geben uns wertvolle Tipps und warnen vor der katastrophalen Strasse. Wir verbringen einen schönen Abend zusammen, der unserer Moral sehr gut tut. Die beiden sind nicht zum ersten Mal in Indien und können uns gut nachfühlen. Sie ermutigen uns, nicht aufzugeben - es würde immer leichter, mit den indischen Umständen klarzukommen. Shanti, Shanti, lautet die Devise.
Wir nehmen Ninas Rat zu Herzen, die nächsten 100 km mit dem Bus zu überbrücken. Da im vergangenen Sommer sehr viel Regen fiel, wurde die Strasse an zahlreichen Orten weggespült und wird überall geflickt. Kein Spass zum Radeln, meinen sie. Wir laden unsere Räder also aufs Dach eines klapprigen Busses und begeben uns in die Obhut des hoffentlich kompetenten Fahrers.


Die Strasse verläuft äusserst abenteuerlich: hoch über dem engen Flusstal ist sie in die Felswände gehauen, sie windet sich wie ein silbriges Band dem Hang entlang. Mancherorts kann man fast nicht glauben, dass die Strasse hält, sie wirkt wie an den Hang geklebt. Bald tauchen die erwähnten Baustellen auf. Männer und Frauen hacken auf Steinen herum, schaufeln Schlamm und Sand weg, schütten Kies in Löcher. Unglaublich, welche schweren Arbeiten hier die Frauen verrichten! Dazu noch mit einem Baby auf den Rücken und einem Lächeln im Gesicht... Es ist extrem staubig und wir werden kräftig durchgeschüttelt. Unsere Bandscheiben jaulen. So eine indische Busfahrt ist fast so hart wie ein indischer Radeltag! Knapp vor Sonnenuntergang erreichen wir Recong Peo, den Hauptort Kinnaurs. Für nur 50 km haben wir fast den ganzen Tag gebraucht.


Hier organisieren wir unser Inner Line Permit, eine Bescheinigung, die es uns erlaubt, im Grenzgebiet zu Tibet zu reisen. Das ist zum Glück nicht mehr ein so kompliziertes Unterfangen wie noch vor ein paar Jahren, einfach Passkopien und ein paar Rupien abgeliefert, kurz in die Fotokamera bei der Polizei gegrinst, ein paar wichtig aussehende Stempelchen drauf, fertig ist der Wisch. Somit besteigen wir am nächsten Tag erneut den Bus, der uns über die heikelste Strecke bis Puh bringen soll. Hier ist der Hang so unstabil, dass bei Wind (und der bläst konstant) unkontrolliert Steine den Berg runter auf die Strasse kullern, so gross wie ein Kühlschrank. Der Verkehr muss einfach warten, bis mal kurz "Waffenstillstand" herrscht, dann wird die Strasse für 2 Minuten oder so freigegeben, bevor wieder eine wahre Gerölllawine von oben kommt und mit einer gewaltigen Staubwolke ins Tal donnert. Danach wird erst mal wieder freigeschaufelt und gebaggert, bevor erneut ein paar Autos passieren können.


Fast zwei Stunden warten wir in der Steinschlagzone, bis wir passieren können. Der Adrenalinpegel schnellt ziemlich nach oben hier! Auch der Chauffeur, der diese Strecke täglich passiert, gibt ordentlich Gas, als wir endlich durchkommen. Nichts wie weg hier! Doch auch nach dieser Schlüsselstelle wird die Strasse nicht einfacher, nur noch grober Schotter und Sand befindet sich unter den Rädern, die Strasse ist schmal und bei Gegenverkehr wird es recht abenteuerlich. Ich schliesse jeweils die Augen und sehe uns schon kopfüber hundert Meter weiter unten im Flussbett, jedes Mal wenn der Bus die prekäre Strasse rückwärts zurückfährt zur nächsten Ausweichstelle. Doch der Gehilfe des Fahrers weist ihn mittels schriller Trillerpfeife millimetergenau ein, so dass wir Puh heil erreichen. Allerdings ist es mittlerweile dunkel und wir müssen noch 4 Kilometer den Berg hochfahren auf einer Stichstrasse zum Dorf, wo es ein Gasthaus gibt. Zum Glück geht der Mond bald auf, denn ansonsten ist es zapfenduster hier.


Als wir am nächsten Morgen die Serpentinen runterfahren und bei Tageslicht sehen, über was für eine prekäre Strasse wir da gehoppelt sind, wird uns ganz anders. Mittlerweile haben wir Wälder und Wiesen hinter uns gelassen, das Tal ist karg, steinig und wüstenhaft.


Zẃar sind die Felsstürze und Bauarbeiten hinter uns, doch die Strasse ist weiterhin abenteuerlich. Einige Abschnitte sind noch geteert, doch öfters kämpfen wir durch groben Schotter. Freddy protestiert und ächzt, wir schieben des öftern mal. Ausserdem gilt es, bis ins nächste Dorf mit Gasthaus über 1500 Höhenmeter zu bewältigen. Gegen Mittag erreichen wir endlich den Zusammenfluss vom türkisblauen Spiti und graubraunen Sutlej River, doch die erwartete Dhaba existiert nicht. Zum Glück wärmt uns die Sonne auf, und Lastwagenfahrer, die uns entgegenkommen, schenken uns Äpfel. Kinnaur ist in ganz Indien berühmt für seine Äpfel, und sie schmecken wirklich hervorragend saftig und süss. Was für eine Überraschung, in dieser kargen Landschaft hätte ich allenfalls ledrige Holzäpfel erwartet. Auf jedem flachen Fleckchen (das sind nicht viele!) werden Äpfel und Bohnen angebaut. Obwohl im ganzen Spiti Valley nur 12000 Menschen leben, durchfahren wir immer wieder winzige Dörfchen. Die Häuser sind hier oben noch traditionell gebaut, aus Lehm und Stein, statt aus Beton. Sie sind gut isoliert gegen die winterliche Kälte, viel besser als die modernen Häuser, die wir in Shimla gesehen haben.


Nach unzähligen Serpentinen sehen wir im letzten Sonnenlicht hoch über uns Nako, unser Tagesziel. Es scheint zum Greifen nah, doch das täuscht: noch weitere eineinhalb Stunden kämpfen wir den Berg hoch, ich habe kaum mehr Kraft. Wieder kommem wir erst im Dunkeln an. Zum Glück finden wir gleich am Dorfeingang ein tibetisches Gasthaus mit Restaurant und kommen zum ersten Mal in Genuss der wärmenden Thupka, einer Nudelsuppe, so wie den leckeren Momos (Teigtaschen). Viele Gasthäuser und Restaurants hier oben sind bereits verrammelt und verlassen, ihre Besitzer sind für den Winter nach Süden gezogen, nach Goa oder Rishikesh. Es ist Ende Saison, wir sind spät dran. Auch hier ist der Herbst eingezogen und der Winter sehr nah: am Morgen sehen wir frischen Schnee in den Bergen, nicht mehr weit weg von uns. Kein Wunder, wir sind ja schon auf über 3600m. Wir gönnen uns einen Ruhetag, wandern durch das beschauliche Bergdorf und seine Terrassenfelder. Auch ein kleines buddhistisches Kloster gibt es hier. Es ist verschlossen, doch auf einer Wanderung zum nächsten Aussichtspunkt treffen wir die beiden Mönche, die im Kloster leben. Sie sind auf demselben Weg wie wir, wollen auf dem Felsen hoch über dem Dorf die Gebetsfahnen richten. Wir folgen ihnen und geniessen die fantastische Aussicht über das Tal und den unglaublich blauen Spiti River.


Am nächsten Tag ziehen wir weiter Richtung Tabo. Noch ein paar Höhenmeter sind zu überwinden, dann furten wir einen eiskalten Bach und zwängen uns an einem gestrandeten LKW vorbei, der halb über dem Abgrund hängt und die Strasse blockiert. Für uns geht es jetzt wieder runter ins Tal, und durch die Strassenblockade geniessen wir einen fast autofreien Tag. Die Strasse windet sich weiter ins Tal hinein, um jede Ecke bieten sich neue fantastische Aussichten, die uns über den schlechten Strassenzustand hinwegtrösten. An einem Polizeikontrollposten fragen wir nach dem Zustand der Strasse weiter oben. "No problem, very good road, completely flat!" Hahaha... wir sind ja die Todesstrasse in Bolivien gefahren, doch diese ist ein Witz gegen das hier. Die Strasse durch Kinnaur und Spiti ist definitiv das Abenteuerlichste, was wir bisher gefahren sind. Völlig erschöpft, doch wenigstens noch bei Tageslicht, erreichen wir Tabo.


Auch hier gibt es ein buddhistisches Kloster, dass für seine tollen Malereien sehr berühmt ist. Es ist über 1000 Jahre alt. Wir kommen im Monastery Guesthouse unter, zwar sehr einfach, dafür treffen wir Carola und Felix, die mit dem Rucksack, einer Geige und Harmonika unterwegs sind. Die beiden haben gerade als Freiwillige in einem Frauenkloster Englisch unterrichtet. Am Abend treffen wir uns mit ihnen zum Musizieren. Ein paar weitere Backpacker stossen dazu und wir finden ein paar gemeinsame Lieder, die alle kennen und können.


Wir besichtigen auch das Kloster, in dem man leider nicht fotografieren darf, und bestaunen die jahrhundertealten Malereien von Göttern, Schutzdämonen und Mandalas. Ausserdem gönnen wir uns strikte Ruhe, denn wir sind beide erkältet und die Strapazen der letzten Tage zollen ihren Tribut.
Frisch ausgeruht radeln wir weiter nach Kaza, dem Hauptort des Spiti Valley. Hier ist noch nicht alles ganz so ausgestorben wie in den andern Dörfern, wir finden sogar ein Internetcafe. Wir übernachten in einem Homestay bei einer einheimischen Familie, die uns eine leckere Suppe mit getrocknetem Yakfleisch kocht - unser erstes Fleischgericht in Indien. Lecker!


Ein Ausflug ohne Gepäck zum nahegelegenen Kee Monastery ist ein grosses Highlight. Das Kloster liegt auf einem Felssporn hoch über dem Tal, es erinnert von weitem an Mont St. Michel, nur eben auf tibetisch. Auf dem Weg dorthin treffen wir ein paar neugierige junge Mönche, die unsere Fahrräder ausprobieren wollen - und gleich auf die Nase purzeln, unter Gelächter der andern Mönche. Ein Fotoshooting lassen wir uns nicht entgehen!
Oben angekommen und nach Luft schnappend (das Kloster liegt auf 4000m), werden wir von einem jungen Mönch umhergeführt, dürfen die heilige Stupa, die Gebetshalle und das Schlafzimmer des Dalai Lamas (der hat hier in den 70er Jahren mal übernachtet) besichtigen. Danach gibt es fantastischen Kräutertee und wir geniessen die unbezahlbare Aussicht über das Tal. Hier weitet sich das sonst so enge Spiti Valley auf über 3km, der Fluss mäandert quer durchs Tal.


Am nächsten Tag wollen wir bis Lhosar, dem letzten Dorf im Tal. Ab dort führt die Strasse über den Kunzum La Pass (4550m) hinunter ins Lahaul-Tal, wo die Strasse noch schlechter sein soll, und weiter über den Rohtang La Pass (3900m) nach Manali, einem beliebten "Hangout" auf 2000m, wo es wieder Infrastruktur für Rucksackreisende gibt: Gasthäuser, Pizzeria (mmmh, was freuen wir uns darauf, nach so viel Reis, Dahl und Nudelsuppen), Wifi und eine deutsche Bäckerei. Doch ob wir das alles schaffen mit den Rädern? Auf der ganzen Strecke ist uns nur ein einziger Radtourist entgegen gekommen, Remi, ein Franzose. Sein Fahrrad sah arg zerbeult aus und er (und viele Motorradfahrer) erzählten uns Horrorstories von fussballgrossen Steinen, Flussdurchquerungen, Schnee und Eis, tiefem Sand und kaum Infrastruktur. Auf den 150 km soll es nur eine Dhaba und eine Notunterkunft geben. Wir schaffen, wenn es gut kommt, 45 km auf dieser Piste, wenn sie noch schlechter wird, werden wir nur noch schieben. Bereits auf dem Weg nach Lhosar bekommen wir einen Geschmack davon: auf 65km gibt es kein Gasthaus und keine Verpflegung, die Strasse ist nur noch flickenhaft geteert, es geht auf und ab. Nachmittags zieht es zu und wird schlagartig kalt, dazu bläst uns der Gegenwind fast zurück nach Kaza.


Wir schaffen es mit Müh und Not nach Hansa, noch weitere 10 km fehlen bis Lhosar. Wir wissen, dass wir das aus eigener Kraft heute nicht mehr schaffen und fragen nach Unterkünften. Die Gasthäuser und Dhabas sind alle bereits geschlossen, doch ein Einheimischer namens Navang erbarmt sich und lädt uns zu sich nachhause ein. In seinem traditionellen Lehmhaus bullert ein Ofen - was für ein Luxus! Bisher gab es nie Heizung in den Gasthäusern, nach Sonnenuntergang kuschelten wir uns jeweils in die warmen Schlafsäcke. Wir trinken Tee und er erzählt uns von seiner Arbeit: er ist ein Heiler, der nach uralter tibetischer Tradition die Leute kostenlos untersucht und mit Heilkräutern kuriert. Wir bekommen einen Tee aus Sanddorn, der hier überall wächst, und sehr wohltuend wirkt gegen die durchdringende Kälte und unsere Schnupfen. Zum Abendessen werden wir zu einer Hochzeitszeremonie eingeladen und trinken mit der Dorfjugend selbstgebrauten Schnaps und eine Art fermentierten Gerstensaft, den sie "Changs" oder "Spiti-Beer" nennen. Schmeckt gewöhnungsbedürftig... ein wenig wie Chicha in Peru. Wir belassen es bei einem Glas und kuscheln uns bald darauf hinter unseren Ofen, befeuert mit Kuhdung, in unsere Schlafsäcke.


Navang hat für uns einen Jeep organisiert, der uns über die Pässe nach Manali bringen soll. Nach dem letzten Radeltag haben wir genug von der Kälte und dem Gegenwind, genug von der Prügelei auf einsamen Holperpisten. Frühmorgens kommt eine Jeepkarawane aus Kaza, unsere Räder und Packtaschen werden auf dem Dach festgezurrt und wir quetschen uns mit 8 andern Einheimischen in einen Jeep. Und los gehts, über die immer schlechter werdende Strasse auf den Kunzum La.


Oben drehen die Jeeps eine Ehrenrunde um die Gompas, die Gebetsfahnen flattern im Wind. Alle steigen aus und beten, wir binden einen unserer Schals, die wir am Abend zuvor geschenkt bekamen, zu den andern hunderten von Seidenschals, die im Wind flattern, und bitten um eine glückliche Reise nach Manali.


Die Strasse ist nun eher noch ein breiter Wanderweg, doch die Jeeps meistern die steile Abfahrt gekonnt, mit nur einem Platten. Die Bäche, die über die Strasse fliessen, sind zu Eis gefroren und machen die Passagen tückisch. Unten im Lahaultal angekommen, wird es nicht weniger abenteuerlich: die Strasse führt durch ein Geröllfeld, über Steine, die eher Felsklötze sind - die fussballgrossen gehören noch zu den passableren. Es schüttelt und rüttelt, doch die Aussicht auf eisige Gipfel, Gletscher, wilde Bergbäche und Wasserfälle ist fantastisch. Nach der Kargheit des Spiti Valleys fühle ich mich in Lahaul sehr an die Schweiz erinnert - es ist einfach alles zehn Nummern grösser.


Die Sonne neigt sich schon tief, als wir den Aufstieg zum Rohtang La in Angriff nehmen. Kurz vor der Passhöhe fahren wir wieder auf Asphalt - was für eine Wonne! Oben ist trotz Saisonende mächtig was los, Ausflügler von Manali kommen als Tagestrip hierher, um auf Esel und Yaks zu reiten, die Aussicht zu geniessen oder per Gleitschirm nach unten zu segeln. Was für eine andere Welt! Wir geniessen den Blick aufs grüne, aber bewölkte Kullutal und weit, weit unten, auf Manali. Es ist eine Wohltat, endlich wieder Bäume zu sehen, hohe Bergtannen, grüne Alpwiesen - nicht nur die stacheligen Sanddornsträucher von Spiti.


Wir bedauern es ein bisschen, die gut geteerte Abfahrt nicht selber fahren zu können, doch der Jeep mit Mononoke auf dem Dach ist schon längst davongebraust. So geniessen wir die Abfahrt im warmen Jeep und freuen uns ob dem vielen Grün. Unten angekommen, erleben wir den nächsten Schock: nach den ruhigen, sich fast im Winterschlaf befindenden Dörfern von Spiti ist Manali eine indische Kleinstadt mit dem üblichen Chaos: Kühe, Autorikschas und Motorräder drängeln sich hupend auf der Strasse (na gut, die Kühe hupen und drängeln nicht, sie schieben sich muhend und gemächlich über die Strassen). Wir haben zum Glück von andern Travellern einen tollen Tip für ein Gasthaus bekommen und machen uns sofort auf den Weg nach Old Manali, dem Bauerndorf über dem modernen Stadtteil (also wieder 4 km den Berg hoch ;-). Man wähnt sich fast wie im Wallis! Uralte Heuschober auf Pfosten, urchige Bauernhäuser aus dunklem Holz. Auf jedem flachen Fleckchen werden Bohnen und Getreide getrocknet, die Bauernfrauen schleppen gigantische Kreten auf dem Rücken, voller Brennholz, Kräuter oder Heu, und pausieren im steilen Gelände immer mal wieder am Strassenrand für einen Schwatz. Nach langem Suchen treffen wir per Zufall auf die Mutter des Besitzers, "Gudu Mama", die uns auf engen Fusspfaden zwischen alten Bauernhäusern hindurch zum herzigen Gasthaus im Chalet-Stil führt. Wir werden freundlich begrüsst, lassen uns erschöpft auf die Betten sinken und sind einfach nur froh, da zu sein.


Hier erholen wir uns seit 4 Tagen, tun einfach nichts ausser ein bisschen umherzuwandern, Tee zu trinken, lassen die Seele baumeln. Endlich gibt es wieder Wifi, wir sind wieder online, und siehe da: während ich mich über Holperstrassen quälte und sauerstoffarme Luft schnappte, bin ich Tante geworden. Meine Schwägerin Sabine hat am 24. Oktober einen gesunden Jungen zur Welt gebracht. Herzlich willkommen auf dieser schönen Welt, kleiner Neffe Elias! Die stolzen Eltern und Grosseltern kennst du ja schon. Du weisst es noch nicht, aber du hast auch noch eine verrückte Tante... Die sucht jetzt unter all den Yak-Wollkappen in Manali die schrillste aus für dich. Wie findest du den die hier?